Lexikon des Fabrikwohnens
Das Nachschlagewerk «Die nicht mehr gebrauchte Schweiz» zeigt auf, wie Industriebrachen in Diezikon bei Laupen und in Wald zu günstigem Lebensraum wurden.
Von Köbi Gantenbein *
Beispiel, gutes. (Meinung, Behauptung). Farbige Fassaden, vier Gebäude um einen kleinen Innenhof gruppiert, Aussicht zur Sonne und in die Landschaft, kleine Wege, Wald, Vogelgezwitscher und im Hintergrund rauscht der Bach. Das ist die Schoggifabrik in Laupen im Zürcher Oberland. Beat Diggelmann hat sie umgebaut in ein Wohnquartier. Die Idylle hat eine bewegte Geschichte… Vor kurzem roch es hier im Weiler Diezikon noch süss nach Schokolade. Die ersten Gebäude entstanden vor 170 Jahren für eine Drechslerei, für die der Bach die Kraft lieferte. Später trieb er die 210 Webstühle einer Weberei an, und vor 70 Jahren wuchs aus ihr eine Schokoladenfabrik. Heute gibt es hier 20 Eigentums- und Mietwohnungen, ein paar Ateliers und Gemeinschaftsräume. Ihr Besitzer schrieb einen Architekturwettbewerb aus. Beat Diggelmann gewann ihn. Nicht allein weil er dank Erfahrung, Wissen und Leidenschaft für alte Fabriken einen überzeugenden Entwurf gezeichnet hatte, sondern auch weil er die Offerte und den Finanzierungsplan ablieferte, wie er die Liegenschaft kaufen und zum Blühen bringen würde. Heute gehört sie ihm ( Geld). Von aussen sehen wir die tief greifende Veränderung wenig, der Architekt hat fast alle alten Kubaturen erhalten. Ein beherzter Eingriff: sattgelbe, rote, blaue und graue Fassaden. Diggelmann hat das Wesentliche richtig gemacht: Was er vorfand, gab seinem Entwurf den Massstab ( Ensemble). Im gelben Haus gibt es pro Geschoss einen grossen und einen kleineren Einraum zum Wohnen oder zum Arbeiten oder beides. Bad und WC stehen als Kabinen drin. Aus dem einen roten wurde ein Haus für eine Familie mit drei Generationen. Aus dem andern roten ein Atelierhaus. Im blauen und grauen Haus wohnen Familien mit kleinen Kindern. Da baute der Architekt Wände ein, und dank der Niveauunterschiede in der Fabrik sind spannende, aber brauchbare Raumfolgen entstanden. Gross geschnittene Wohnungen als Ein- oder Mehrräumer mit offenen Küchen, von denen jeder träumt, der gerne kocht und bewirtet ( Raum).
Diggelmann-Kreis, Beat. Geb. 1966. D. ist Sohn eines Zimmermanns aus Wald, der untergegangenen Industriestadt im Zürcher Oberland. Er lernte Schreiner und studierte Architektur am Technikum von Winterthur. Früh engagierte er sich für die Geschichte und Architektur seiner Region. Er lernte, dass die Pflege des Ensembles wesentlich ist für gute Architektur und dass nur Wissen um den Ort zu einem guten Entwurf führen kann. D. wird Architekt der «Bleiche» ( Ensemble), gewinnt schliesslich den Wettbewerb für die Umnutzung einer Schokoladenfabrik, die er erwirbt und umbaut ( Beispiel). D. wohnt mit seiner Frau Yvonne, zwei Mädchen und einem Büblein selber in der Fabrik. Seine Frau hat ihr Atelier da, und auch D. arbeitet in einem Nebenhaus; er staunt, dass keine seiner Kollegen aus Wald in einer Fabrik wohnen. Die Fabrikbewohner kommen aus der Stadt. D. weiss, dass der Preis ( Geld) entscheidend ist, damit ein Fabrikumbau funktioniert, und dass der grösste Luxus nicht der Ausbaustandard, sondern der Raum ist. D. ist auch überzeugt, dass Wohnen in der Fabrik nur ökonomisch erfolgreich sein kann, wenn die Liegenschaftshandel treibenden Nachkommen der Fabrikbesitzer den Wert des Ensembles ausspielen. Also nicht Stück um Stück verkaufen, sondern das Ganze beieinander halten und zusammenspannen mit andern Besitzern. D. ist ein Beispiel dafür, dass ein gutes Projekt einen guten Architekten braucht.
Ensemble, das (architekt. Begriff für: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile). Energiequelle und Arbeitskraft bestimmten den Standort einer Fabrik, nötig waren ein Bach und genügend mausarme Bauern und Tagelöhnerinnen. Eine Textilfabrik funktionierte nur als E. und straff organisierte Zwangsgemeinschaft. Im Kern das Haus mit den Maschinen, gestaltet in herrschaftlicher Manier als drei- bis fünfgeschossiges Langhaus mit Turm, Turmuhr und -glocke. Vor der Kohlezeit gab es ein ausgeklügeltes System von Stauweihern und Kanälen für die Wasserkraft. Unmittelbar neben der Fabrik die Fabrikantenvilla, unweit von ihr die Einfamilienhäuser der Werkmeister, dann das Kosthaus für die Arbeiter, oft ein zweigeschossiges Reihenhaus. Zum E. gehörten Pflanzgärten der Arbeiterfamilien, eine Land- und Forstwirtschaft des Fabrikherren und umliegende Klein- und Schuldenbauernhöfe. Andreas Honegger, ein Nachfahre von Textilfabrikanten in Wald im Zürcher Oberland, hat Bedeutung und Qualität des E. begriffen. Er transformiert sein Erbe im Quartier «Bleiche» mit Blick auf das Ganze (auch Kandidat für gutes Beispiel). Im Kern der alten Fabrik gibt es jetzt 31 Wohnungen unterschiedlichen Grundrisses von 80 bis 300 Quadratmeter Wohnfläche; das Kulturzentrum machen Beiz, Bar, Galerie, Restaurant und Hotel aus. Zur «Bleiche» gehören eine Badeanlage und ein Bio-Bauernhof. Das Ensemble ist auch ein Arbeitgeber: 180 Leute sind in den Betrieben auf und in der «Bleiche» beschäftigt. Als Architekt war Beat Diggelmann beteiligt. Auch er hat 2000 bis 2003 ein E. realisiert ( Beispiel).
Geld, das. (Abkürzung für Tauschmittel, um Miete zu bezahlen oder Wohnungen zu kaufen). Mindestens eine halbe Million Franken kostet eine Wohnung in der Schoggifabrik ( Beispiel). In der Bleiche ( Ensemble) kosten viereinhalb Zimmer 2700 Franken. Wohnen in der alten Fabrik ist nicht billig, aber günstig. Denn entscheidend ist, dass es fürs gute G. in der gut umgebauten Wohnfabrik viel Platz, ungewöhnliche Raumfolgen und Proportionen und grossartige Aussenräume geben kann ( Raum, Beispiel). Wer die meist überdurchschnittlich grosse Wohnfläche im Ausbau vergoldet, muss aber überdurchschnittlich viel bezahlen. Günstig wohnt nur, wer die Substanz möglichst unberührt lässt und die Statik nicht verändert. Günstig wird nur wohnen, wer sich einem Haus, das nicht fürs Wohnen gebaut worden ist, unterordnet. Und günstig wohnt schliesslich nur, wer bereit ist, Geräusche trampelnder Nachbarn oder aufgeregter Kinder als Teil des Lebensgefühls anzunehmen ( Beispiel).

Loft, der; schweiz. Dialekt, das L. (aus Americ. Way of Life, heute Werkzeug für Immobilienhändler und Parvenüs). Ursprünglich war L. eine doppelte Notlage in New York um 1970. Malerinnen, Plastiker, Fotografinnen, Schriftsteller u. ä. brauchten für ihre Arbeit grosse Räume, hatten aber kein Geld. Fabrikanten verloren ihre Aufträge, verstiessen ihre Arbeiter und wussten nicht, was mit ihren Liegenschaften anfangen. Sie vermieteten sie, ohne etwas zu investieren, den Künstlern, die sie eigenhändig zum Arbeits- und Wohnort ausbauten ( Geld). So entstand der L. als grosser Einraum mit minimalem Komfort und wurde ein Stück American Way of Life. Leute aus dem alternativen Milieu der Schweiz, die im Laufe der Jahre als Lehrer, Ärztinnen, Sozialarbeiter oder Künstlerinnen Geld verdient hatten, importierten die Idee und bauten in den Achtzigerjahren erste L. in aufgelassene Fabriken in der ländlichen Schweiz. Schliesslich entdeckten vor zehn Jahren Immobilienhändler den L., um aus schwierigen Liegenschaften Profit zu schlagen. Wohnen im L. wurde begehrt unter Bänklern, Glücksrittern des Internets und Software-IngenieurInnen, bekannt auch als «späte Yuppies». Statt minimalen Komforts musste ihnen jeder Wunsch möglich sein. Bald hiessen auch überteuerte Einzimmerwohnungen mit 45 Quadratmeter Fläche L. Denn der L. wird nicht mehr nur in alten Fabriken eingerichtet, sondern auch als Neubau mitten in der Stadt. L. gehorcht nicht mehr der doppelten Not, sondern ist ein Abzeichen der Parvenüs. Doch nach Börsenkrach und Internetkater konnten die schicken Freunde des L. denselben nicht mehr bezahlen. So ist der L. heute ein abgetakeltes Wort, das nur braucht, wer dem Zeitgeist hinterherläuft.
Raum, der (Ziel architektonischer Arbeit). Der einzig wahre Luxus ist der Raumluxus. Die guten Investoren haben gelernt: In einer alten Fabrik ist genug R. da. Ihn in kleine Wohnungen zu zerteilen, treibt die Kosten in die Höhe und mindert die Marktchancen. Denn: Fabrikwohnen heisst weitläufig wohnen, oft halt wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Doch die Einraumwohnung ist nicht in jedem Fall die gute Lösung. Sie ist langweilig, und ihre Benutzung kostet Nerven. Nötig ist, R. mit einem Gespür für die vorgefundene Situation, mit einer Idee von engen und weiten Plätzen, verbunden mit Gassen und Gässchen zu gestalten. Niveauunterschiede und Massstabsprünge ergeben R. Gegebenheiten mit einem Nutzen zu verbinden, ist fantasievoller, als dank der Bautechnik das Vorgefundene auf schnell wechselnde Bedürfnisse zu trimmen. Fabriken entstanden selten aus einem Guss, sondern als Patchwork über 100 Jahre. Nun erleben sie die grosse Transformation vom Arbeits- zum Wohnort.
* Köbi Gantenbein ist Chefredaktor von «Hochparterre». Er arbeitet am Lexikon «Die nicht mehr gebrauchte Schweiz», das 2007 im Verlag Hochparterre erscheinen wird.
Quelle: Sonntagszeitung


