Kongresshaus Zürich - Debatte um Neubau von Rafael Moneo
Der umstrittene Neubau des Kongresshauses Zürich nach Plänen des Architekten Rafael Moneo führt zu einer Debatte, in welcher der Bund Schweizer Architekten BSA in ganzseitigen Zeitungsannoncen auf Schwachstellen des Projektes hinweist …
… welche auf unrealistische Vorgaben seitens der Auftraggeber zurückzuführen sind. Nehmen Sie an der Diskussion teil und schreiben Sie uns in diesem Forum Ihre Meinung!
Die Stellungnahme des Bundes Schweizer Architekten:
Kongresshausdebatte: Stellungnahme des Bundes Schweizer Architekten
Die Bedeutung des Kongresshausneubaus von 1937-39
Rafael Moneo charakterisiert das Kongresshaus von Haefeli, Moser und Steiger aus den Jahren 1937-39 als «somehow Swedish». Ohne es zu wollen, trifft er damit den Nagel auf den Kopf. In den kleinen Demokratien Europas – namentlich in der Schweiz, den Niederlanden und den skandinavischen Staaten – entsteht im Laufe der Dreissigerjahre ein neuer, von Lebensfreude und Leichtigkeit gekennzeichneter Baustil, der sowohl die spröden Seiten des Neuen Bauens überwindet als auch ein kraftvolles Gegenbild entwirft zu dem in Europa vorherrschenden dumpfen Neoklassizismus. Das Zürcher Kongresshaus gehört international zu den wichtigsten und eigenständigsten Vertretern dieser Bewegung. Der letzte bedeutende Bauzeuge der Landi von 1939 ist somit mehr als ein Monument der geistigen Landesverteidigung. Für den europäischen Wiederaufbau der Nachkriegszeit, insbesondere für den repräsentativen öffentlichen Bau, hat das Zürcher Kongresshaus eine stilbildende Ausstrahlung, wie sie sich in Zürichs gesamter Baugeschichte wohl suchen lässt. Im Zürich der Dreissigerjahre wird die Architektur der Fünfzigerjahre vorweggenommen.
Die Grundhaltung des BSA
Der Bund Schweizer Architekten geht aus von einer gebauten Umwelt, die sich in ständigem Wandel befindet. Mit dieser Einstellung hat sich der BSA nicht grundsätzlich gegen einen Kongresshaus-Wettbewerb gestellt. Die hohe architektonische und architekturgeschichtliche Bedeutung des Baus von Haefeli, Moser und Steiger ist für den BSA jedoch unumstritten, und die Latte für einen Neubau ist demnach bezüglich architektonischer Qualität sehr hoch zu setzen. Wenn Veraltetes angepasst oder ersetzt werden soll, ist das grundsätzlich ein natürlicher Prozess, und gerade die Mitglieder des BSA nehmen an diesem Prozess aktiv teil. Die Qualität des Bestandes im Kontext zu beurteilen und auf seine Wiederverwendbarkeit gewissenhaft zu prüfen, gehört mit zu den anspruchsvollsten Aufgaben für Architekten. Dass sich Bestand und neu zu Schaffendes nicht zwingend in die Quere kommen müssen, zeigt der gelungene Einbezug der alten Tonhalle in den Kongresshauskomplex von 1939. Die Gründe für das Scheitern des Projekts Moneo Ein prämiertes Wettbewerbsprojekt zu kritisieren entspricht nicht den Gepflogenheiten eines Architektenverbandes. Immerhin hat die Jury mit dem Projekt des geschätzten Kollegen Rafael Moneo jene Arbeit gewählt, die sich bis zuletzt um städtebauliche Einordnung bemüht. Die übrigen Wettbewerbsbeiträge verletzen die Massstäblichkeit Zürichs
noch empfindlicher, ohne in ihrer Radikalität plausibel zu werden.
Moneos Versuch, das riesige geforderte Volumen als Teil der Seefront zu konzipieren, schlägt fehl. Allen Einordnungsmassnahmen zum Trotz wird die über dreissig Meter hohe Masse nicht wie behauptet zum verträglichen, die städtebaulichen Regeln beachtenden Nachbarn. Die alte Tonhalle wird zum Anhängsel degradiert, das rote Schloss kippt ins Spielzeughafte. Wahrzeichenhaftigkeit ist infolge der gezwungen wirkenden Anpassung auch nicht zu erreichen. Weil für eine tiefer gehende Gliederung der Baumassen der Platz fehlt, versucht Moneo eine Verdichtung nach innen, doch aus dem beinahe verzweifelten Stapeln von Funktionen wird keine Architektur. Das endet dann beispielsweise so, dass wir uns, das untere Auditorium verlassend,
irgendwo in shopville-ähnlichen Passagen unter der Claridenstrasse wiederfinden. Vollends unverständlich wirkt, wie der überdimensionale Hotelneubau der zum schützenswerten Baudenkmal erklärten Villa Rosau zu Leibe rückt. Anstelle einer solchen Existenz wünschte man der schönen Villa ein gnädiges Ende. Wenn es einem Architekten von Weltrang nicht gelingt, die Fachwelt zu überzeugen, sollte das hellhörig machen. Die Gründe für das Scheitern des Projektes sind seit langem bekannt. Ein überfrachtetes Programm, das nach diversen Reduktionen noch immer nicht auf das zu kleine Grundstück passen will, kann auch ein Moneo nicht richten. Der Wettbewerb und die Projektüberarbeitung zeigen schonungslos auf, dass am bestehenden Ort keine befriedigende Lösung für ein Kongresshaus der geforderten Grössenordnung möglich ist. Gerne würde man Rafael Moneo andere Rahmenbedingungen wünschen: Platz, sich zu entfalten!
Den Weg zu einem Neuanfang freimachen!
Zürich braucht ein rundum überzeugendes Kongresshaus. Nur ein architektonisch und städtebaulich deutlich überlegenes Projekt mit einem funktional einwandfreien Konzept und einer schlagenden Evidenz des Standorts könnte den Abbruch eines Baudenkmals vom Range des Kongresshauses von Haefeli, Moser und Steiger rechtfertigen. Politisches Kalkül und eine vermeintlich rasche Verfügbarkeit genügen nicht zur Entlassung aus dem Schutzstatus. Mit einem Kongresshausneubau dürfen nicht primär kulturelle Werte vernichtet, sondern es sollten vor allem wesentliche neue kulturelle Werte geschaffen werden, das ist Zürich sich schuldig! Für den BSA steht ausser Zweifel, dass die Standortdiskussion bei einem öffentlichen Bauvorhaben dieser Grössenordnung grundlegender geführt werden sollte. Das Grundstück des bestehenden Kongresshauses hat sich für das geforderte Programm als ungeeignet erwiesen. Es ist offensichtlich nicht gross genug, und es ist mit seiner Lage im zweiten Glied weder wirklich prominent noch praktisch. Wenn eine optimale städtebauliche und funktionale Integration in den Stadtkörper, eine überzeugende Verkehrsanbindung und eine rasche Verfügbarkeit des Grundstücks vorrangige Kriterien sind, stehen geeignete, zentral gelegene Standorte bereits zur Diskussion. Und wenn Zürich wirklich auf einen städtebaulichen Wurf am Seebecken aus ist, dann gilt es anzuerkennen, dass ein solcher nicht mit der Zwangsjacke eines zu kleinen Grundstücks zu haben ist. Weltarchitektur braucht gute Bedingungen, um sich entfalten zu können, geben wir ihr an einem anderen Standort eine zweite Chance!
Bund Schweizer Architekten | Ortsgruppe Zürich
Sekretariat:
Zypressenstrasse 71, 8004 Zürich
www.architekten-bsa.ch
4 Kommentare zu “Kongresshaus Zürich - Debatte um Neubau von Rafael Moneo”


26. Juni 2007 um 11:53
ganz offensichtlich wollten die behören die quadratur des kreises erreichen. endlich wird die längst fällige disskussion um das kongresshaus lanciert.
26. Juni 2007 um 12:19
Der Luzerner Bevölkerung ist mit einem vergleichbaren Thema bei dem Entscheid vor rund zehn Jahren zum Neubaus des KKL souveräner umgegangen. Trotz der Grösse und Bauvolumen finde ich den Entwurf von Moneo ausgewogen und attraktiv. Ich hoffe sehr, dass dieser Entwurf von Rafael Moneo realisiert werden kann.
Peter Indergand, Zürich
26. Juli 2007 um 18:25
Nach eingehenden Debatten um Um- oder Neubau des Kongresshauses und der Standortdiskussionen, empfehle ich dennoch einen Abbruch des alten Kongresshauses und einen Standortwechsel nach, z.B. Zürich Oerlikon, HB-Gelände, oder Quartier Hornbach mit Seeanstoss. Dem bisherigen Tonhalle-/Kongresshausareal böte sich dann die Gelegenheit, den Trocadéro-Komplex zu rekonstruieren und anstelle der Gartenanlage, einen kleinen Kongress-Mehrzweckanbau mit etwaiger Hotelfunktion zu erstellen.
Dies wäre für Zürich nach Rekonstruktion des Portikus des Opernhauses 1984, der Metropolfassade Ende der 90er-Jahre und der historisierenden Renovierung des Bellevuegebäudes, ein echter Gewinn für die Seesilhouette !
Ende März 2007 verfasste ich ausführliche Stellungnahmen in Zeitungen und gegenüber dem Heimatschutz.
Das Schutzkomitee für das bestehende Zürcher Kongresshaus, gehört wie bereits geäussert, STILLGELEGT !!
Wir sollten die Planung mit objektivem Pioniergeist angehen !!
Ihr Raphael Rudolf Frei (Sohn des Tonhallemusikers Rudolf E. Frei a.D.)
29. August 2007 um 15:20
Es ist ganz klar, dass das Kongresshaus Zürich als einer der letzten Zeugen einer grossen Architekturperiode nicht abgerissen werden darf. Wenn das die Züricher Stadtbehörden machen, zeugen sie davon, dass sie Kunstbanausen sind. Die Stadt Zürich würde ein wichtiges Denkmal verlieren. In diesem Sinne würde natürlich ganz in der Euphorie gehandelt, die während der Nachkriegszeit dazu geführt haben, dass viele wertvolle Architekturzeugnisse aus der Vergangenheit durch banale Zweckbauten ersetzt wurden. Heute bereut man das wieder, doch hat dies offensichtlich zu keiner Erkenntnis geführt.
Ich habe sicher nichts gegen den Bau von Rafael Monedo und gegen die Einsicht, dass das Kongresshaus seinen ursprünglich geplanten Zweck nicht mehr ganz erfüllen kann. Doch auch der Bau von Rafael Monedo wird diesen Zweck nicht ganz erfüllen können. Einige Spekulanten werden sich bereichern. Doch das kann nicht dem entsprechen, was der Bürger von Zürich wünscht. Es gibt andere, bedeutend zutreffendere Plätze um ein modernes Kongresszentrum erstellen zu können. Bevor wir jetzt auf Biegen und Brechen über die Erstellung eines solches Zentrums an der Stelle eines historischen Baus entscheiden, sollten unsere Politiker die Standortfrage neu besprechen.