Immobilienmarkt in London - Monopoly in Kensington
Prominente kaufen Immobilien - Monopoly in Kensington
Von Claudia Bröll, 30. Januar 2007
Die Straße in Londons Stadtteil Kensington ist nur wenige hundert Meter lang. Wer hier wohnt, gibt seine Adresse gern mit „KPG“ an - und kann davon ausgehen, dass jeder weiß, was sich dahinter verbirgt. KPG steht für „Kensington Palace Gardens“. Es ist eine der teuersten Adressen Londons. Ein paar Millionen auf dem Konto liegen zu haben reicht für dieses Umfeld nicht ganz aus - so jemand gilt in KPG als armer Schlucker.
In grauer Vorzeit dehnten sich an dieser Stelle die Gärten von Kensington Palace aus, später wohnten hier Aristokraten. Heute residieren in den viktorianischen Villen russische Oligarchen, indische Erfolgsunternehmer und Mitglieder der arabischen Königsfamilie. Die Lage ist zentral und dennoch grün, denn gleich nebenan breitet sich der Hyde Park aus. Mit den Normalbürgern haben die Anwohner dennoch wenig zu tun - die Straße ist für den öffentlichen Verkehr gesperrt.
Wöchentlich klettern Londons Hauspreise
Kensington Palace Gardens: die sogenannten Milliardärstraße
Die neuen KPG-Anlieger kauften die Herrenhäuser vor gar nicht langer Zeit für derartig horrende Summen, dass selbst abgebrühte Immobilienmakler staunten. Ungeachtet dessen schoss der Wert der Immobilien weiter in die Höhe. Um 60 Prozent und mehr legten die Preise in dieser Gegend zu - innerhalb von zwei Jahren. „Früher kamen solche Häuser nur für Botschaften oder Unternehmen in Frage, aber nicht für Privatleute“, erinnert sich Dick Ford von der Maklerfirma „Knight Frank“. „Heute machen die Leute Privathäuser daraus - koste es, was es wolle.“
Für den unbeteiligten Beobachter spielt der Londoner Immobilienmarkt seit längerem schon verrückt. Wöchentlich klettern die Hauspreise. Was Makler heute als Rekordsumme bezeichnen, kann morgen schon der Durchschnitts- und übermorgen der Einstiegspreis sein. Auf Dinnerpartys machen Anekdoten die Runde wie jene über eine Garage in Chelsea, die so viel kostete wie ein Einfamilienhaus in einer deutschen Großstadt. Zwar lassen Warnungen, die Blase könne bald platzen und einen Preisrutsch auslösen, nicht nach. Bisher jedoch wurden die Pessimisten immer wieder eines besseren belehrt. Weder Terroranschläge noch Zinserhöhungen haben den Boom gebremst.
Stadtpalast für 57 Millionen Pfund
Lakshmi Mittal, der indische Stahlunternehmer und reichste Mann Großbritanniens, lebt seit zwei Jahren in Kensington Palace Gardens. Den Stadtpalast mit unzähligen Zimmern und einer Tiefgarage für mehr als zwanzig Autos kaufte er Bernie Ecclestone ab, dem Chef der Formel 1. Frau Ecclestone soll es in Kensington nicht gefallen haben. Mittal dagegen gefiel es so gut, dass er 57 Millionen Pfund (85,5 Millionen Euro) für die Immobilie zahlte. Eine kluge Entscheidung. Würde der Milliardär heute verkaufen, könnte er nach einer im „Evening Standard“ veröffentlichten Schätzung der Makler von „Savills“ 92 Millionen Pfund verlangen, 35 Millionen Pfund mehr, als er selbst investiert hat.
Sein Nachbar, der russische Oligarch Leonard Blavatnik, zog etwa zur gleichen Zeit an der Straße ein, nachdem er sich ein hartes Bietergefecht mit Landsmann Roman Abramowitsch geliefert hatte. Bei 42 Millionen Pfund stieg Abramowitsch aus. Möglicherweise ärgert er sich heute darüber. „Savills“ beziffert den aktuellen Wert der Immobilie auf 65 Millionen Pfund. Dabei hat auch Abramowitsch, Eigentümer des FC Chelsea, mit seinen Immobiliengeschäften bislang nicht schlecht abgeschnitten. Für vierzig Millionen Pfund erstand der Russe vor kurzem vier Häuser am Chester Square im Diplomatenviertel Belgravia, die er derzeit zu einem einzigen Anwesen umbauen lässt. Heute wäre dieses Ensemble 56 Millionen Pfund wert. Außerdem sicherte er sich sechs Wohnungen in Knightsbridge für insgesamt dreißig Millionen Pfund. Seither haben auch in dem Viertel rings um das Kaufhaus Harrods die Preise kräftig angezogen.
Preise in teuersten Gegenden am stärksten gestiegen
Nach Erkenntnissen von „Knight Frank“ sind gerade in den sowieso schon teuersten Gegenden der Stadt die Preise am stärksten gestiegen. Während sich die Immobilien im Landesdurchschnitt im vergangenen Jahr um sieben Prozent verteuerten, bilanzierten die Makler in Belgravia einen Anstieg von 34,5 Prozent. Wohnungen in Chelsea, Kensington, Knightsbridge und Mayfair verteuerten sich um ein Viertel, für familienkompatible Objekte mussten Käufer 46 Prozent mehr als im Vorjahr zahlen. Im Schnitt kostet eine Immobilie in Kensington eine Million Pfund.
Es sind jedoch nicht nur Unternehmer, die sich um die hübschen Londoner Stadtvillen raufen. Auch Schauspieler, Popstars und Fußballer mischen in dem Geschäft kräftig mit - und treiben die Preise nach oben. Hugh Grant und seine Verlobte Jemima Khan etwa erstanden nach langer Suche im Mai vergangenen Jahres ein Heim in Chelsea, ganz in der Nähe von Familie Ecclestone. Für neun Schlafzimmer, drei Garagen und das Ambiente der dreißiger Jahre, das sich auf 540 Quadratmeter Wohnfläche erstreckt, legten sie 18 Millionen Pfund auf den Tisch des Hauses. Innerhalb von acht Monaten wurden daraus 22 Millionen Pfund - freilich nur auf dem Papier.
Tony Blair verkaufte Immobilie zu früh
Etwas bescheidener gibt sich Gwyneth Paltrow. Die Schauspielerin lebt mit Chris Martin, dem Sänger der Band „Coldplay“, und den beiden Kindern in einem Haus mit fünf Schlafzimmern, das sie unlängst von ihrer Kollegin und Freundin Kate Winslet für 2,5 Millionen Pfund übernahm. Winslet strich bei dem Geschäft 420 000 Pfund Gewinn ein. Verglichen mit der Wertsteigerung um 1,3 Millionen Pfund, die das Objekt seither erfuhr, war das wenig.
Die bittere Erfahrung, dass man in diesem aufgeheizten Markt nie zu früh verkaufen sollte, mussten auch Premierminister Tony Blair und Gattin Cherie machen. Wie die britische Presse immer wieder genüsslich verbreitet, verkaufte das Politikerpaar 1997 sein Haus in Islington für 615.000 Pfund. Vier Jahre später war es wieder auf dem Markt - diesmal für 1,5 Millionen Pfund. An ihrem jetzigen Anwesen am Connaught Square nahe dem Prominentenviertel Notting Hill dürften die Blairs daher länger festhalten. Ihr Einsatz von 3,6 Millionen Pfund wurde immerhin schon auf 4,5 Millionen Pfund erhöht.
London war immer das Pflaster der Reichen. In jüngster Zeit ist die Schar der Millionäre und Milliardäre, die sich um das weitgehend gleichbleibende Angebot an Luxusimmobilien prügeln, jedoch dramatisch gewachsen. In diesem Jahr rechnen allein viertausend Banker in der Londoner City mit einem Bonus von mehr als einer Million Pfund zusätzlich zu ihrem Grundgehalt. Einige kassieren zweistellige Millionenbeträge. Traditionell investieren die City-Angestellten einen großen Teil des Geldsegens zu Jahresbeginn in Immobilien, vornehmlich im Segment bis zu zehn Millionen Pfund. „Wir haben schon zum Ende des Jahres viele Anfragen von Bankern bekommen, die ihren Bonus unterbringen wollen“, behauptet Howard Elston von „Aylesford International“.
Die noch teureren Immobilien kommen meist gar nicht auf den Markt, sondern werden unter den fünfhundert reichsten Menschen des Inselreichs herumgereicht. Zu ihnen gehören Leute wie Virgin-Mann Richard Branson (geschätztes Vermögen: drei Milliarden Pfund), Einzelhändler Philip Green (4,9 Milliarden Pfund) oder der Duke of Westminster (6,6 Milliarden Pfund), dem weite Teile von Mayfair und Belgravia gehören. Das Magazin „Forbes“ bezeichnete die britische Hauptstadt vor kurzem als „Magnet für Milliardäre“. Mittlerweile hätten 23 Männer und Frauen mit einem zehn- oder elfstelligen Vermögen einen Wohnsitz an der Themse. Nur in New York lebten mehr. Diese Klientel schätze London wegen seiner kosmopolitischen Atmosphäre, der hervorragenden Verkehrsverbindungen mit Orten rings um den Globus, der guten Privatschulen und wegen der Steuervorteile für wohlhabende Ausländer, sagt Elston. „Einige wollen ihren vielen Adressen auf der ganzen Welt auch einfach noch eine weitere schicke hinzufügen.“
Lakshmi Mittal kaufte sich für 57 Millionen Pfund eine Villa in Kensington Palace Gardens
In der vergangenen Woche kam die bisher kleinste Immobilie der Stadt auf den Markt, ein dunkles, 6,4 Quadratmeter großes Kellerloch in Chelsea. Der Preis: 255 000 Euro zuzüglich 45 000 Euro Renovierungskosten, weil das Verlies seit mehr als zwanzig Jahren keinen Maler mehr gesehen hatte. Ein attraktives Angebot, fand manch einer. Bereits nach 24 Stunden hatten drei Interessenten ein Kaufgebot abgegeben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.01.2007, Nr. 4
